Der Amoklauf von München - so war es in einer Nachrichtenredaktion

Ein Mann erschießt am Freitagabend in München neun Menschen, anschließend begeht er anscheinend Selbstmord. Lange ist von bis zu drei Schützen die Rede, in der Stadt herrscht Ausnahmezustand. Auch die Medien schalten in den Notfallmodus, die ARD und andere Sender berichten am Abend ununterbrochen. So habe ich den Abend und die Nacht in der NDR-Nachrichtenredaktion für die Radioprogramme erlebt.

Foto von flickr.com: Px4u by Team Cu29 (Unverändert); Lizenz CC BY-NC 2.0
Foto von flickr.com: Px4u by Team Cu29 (Unverändert); Lizenz CC BY-NC 2.0

Die erste Information über eine Schießerei im Olympiaeinkaufszentrum in München habe ich gegen 18:20 Uhr gelesen. Sie kam per Pushmeldung über die BR24-App. Stand zu diesem Zeitpunkt: Möglicherweise Schießerei, mehr Informationen in Kürze.

 

Ich war an dem Abend eingeteilt für die Spätnachrichten bei N-JOY und NDR2. Das heißt Themen auswählen, Meldungen schreiben und die Nachrichten präsentieren. Abends ist das grundsätzlich ein ein-Mann-Job. Mit mir im Großraumbüro saßen zwar noch drei weitere Kollegen, die aber entweder eigentlich Aufgaben für den nächsten Tag hatten, oder vor allem für die Nachrichten bei NDR Info zuständig waren. Im Laufe des Abends haben wir uns dann natürlich gegenseitig unterstützt, und andere Kollegen haben per Telefon angeboten, zu kommen.

 

Kurz nach halb sieben bestätigt die Polizei die Schüsse, ob es Tote und Verletzte gibt sei noch unklar. Die Nachrichtenagenturen versenden entsprechende Eilmeldungen. Es wird klar, dass das Thema der Aufmacher der Nachrichten um 19 Uhr und darüber hinaus wird.

 

Über Twitter kann ich mir einen ersten Eindruck von der Lage in München verschaffen. Ich schaue kurz einen Periscope-Livestream, außerdem gibt es verschiedene Fotos. Für mehr reicht die Zeit nicht. Schon jetzt sind viele unsinnige Gerüchte und Spekulationen im Umlauf.

 

Vor allem was die Zahl der Opfer angeht ist die Lage zwischen halb sieben und halb acht sehr unübersichtlich. Es gibt widersprüchliche Meldungen, auch in den Nachrichtenagenturen und verschiedenen Medien. Mal ist von Toten die Rede, dann wieder nur von Verletzten. In einer Eilmeldung wird ein Polizeisprecher zitiert, der ausdrücklich sagt, er könne entgegen anderslautenden Aussagen keine Toten bestätigen. Diese Meldungen kommen im Minutentakt. In der Nachrichtenredaktion ist es üblich, bei unklaren Zahlen von der niedrigsten auszugehen. Zunächst sprechen wir in den Nachrichten deshalb von "Verletzten, möglicherweise auch Toten", später von "Verletzten und Toten." Erst um 21:23 Uhr gibt es offizielle Zahlen.

 

Die Informationen bekomme ich sowohl von den Reportern des BR, die in München unterwegs sind und recherchieren, als auch von der Polizei, den verschiedenen Nachrichtenagenturen, über Twitter und die diversen Liveticker. Die haben zwar im Grunde das gleiche Material zur Verfügung wie man selbst, deshalb lässt sich aber gut überprüfen, ob man etwas übersehen hat.

 

Die Herausforderung als Nachrichtenredakteur: Aus einem Wust an verschiedenen und teils widersprüchlichen Informationen herausfiltern, was stimmt. Ein Auge wandert außerdem immer wieder zum Fernseher: Was und wie berichten andere? Wie schätzen die Reporter dort die Lage ein?

 

Eine Nachrichtenausgabe hat allerdings nicht nur ein Thema, sondern fünf. Am Freitagabend galt gleichzeitig für weite Gebiete in Norddeutschland eine Unwetterwarnung, es hatte bereits Überschwemmungen gegeben. Ich verschaffe mir einen kurzen Überblick über die Lage um zu entscheiden, ob das Thema in die Nachrichten kommt. Ein Kollege unterstützt mich, behält andere Themen im Auge, recherchiert und schreibt eine Meldung zu den Unwettern. Außerdem müssen noch die anderen Meldungen für die Sendungen ausgewählt werden. Was ist sonst noch wichtiges passiert?

 

Die Redaktion bei N-JOY fällt die Entscheidung, dass es (zusätzlich zum angepassten Radioprogramm) jeweils um halb ein News-Extra geben soll, bei dem es nur um München geht. Nach den Nachrichten um Voll heißt es also kurz durchatmen, dann die Informationen für die Sonderausgabe zusammensuchen.

 

Es ist etwa viertel vor acht. In den Nachrichten sind die eingespielten Töne von Korrespondenten und Reportern in der Regel aufgezeichnet. Weil es aber laufend neue Informationen zu München gibt, schreibe ich einem Kollegen den aktuellen Stand zusammen, den er dann live wiedergibt. Wir beschränken uns auf das, was passiert und bestätigt ist. Wir nehmen auch auf, dass es in der Münchener Innenstadt Panik und einen Polizeieinsatz gegeben hat, machen aber deutlich, dass noch nicht klar ist, warum. Daran halten wir uns auch in den kommenden Ausgaben. Etwas später wird dann klar, dass es nur beim Olympia-Einkaufszentrum Schüsse gegeben hat, alle anderen vermuteten Tatorte waren Falschmeldungen.

 

In der Redaktion wird auch darüber gesprochen, wie die Schüsse einzuordnen sind: Amoklauf oder (Terror)Anschlag? Auch solche grundsätzlichen Fragen müssen geklärt werden, denn die richtige Bezeichnung ist wichtig. Ein Amokläufer handelt aus einer geistigen Verwirrung heraus, er hat keine Strategie. Ein Terrorist dagegen schon, er will unter anderem Angst und Schrecken verbreiten.

Nach der Bedeutung des Wortes "Anschlag" als "gewalttätiger, auf Zerstörung zielender Angriff" kann ihn natürlich auch ein Amokläufer begehen. Grundsätzlich schwingt aber eher das Wort "Terror" dabei mit.

 

In einigen Medien wird bereits von einem Anschlag in München gesprochen.  Die Polizei geht offiziell noch von einem Amoklauf mit bis zu 3 Tätern aus. Das gebe ich so wieder. Kurz danach spricht die Polizei erst von einem Terrorverdacht, dann von einer akuten Terrorlage. In den folgenden Nachrichtenausgaben mache ich diesen Wechsel in der Einschätzung zum Thema. Noch etwas schwieriger wird die Abwägung, als Kanzleramtsminister Altmaier in der ARD von einem Anschlag spricht, und sagt, "terroristische Bezüge können nicht bestätigt und nicht ausgeschlossen werden".

 

So geht es im Grunde weiter bis Mitternacht, die Schlagzahl bleibt mit Nachrichten im Halbstundentakt hoch. Die Zahl der Toten erhöht sich auf neun, einer davon könnte einer der Angreifer sein. Zu diesem Zeitpunkt geht die Polizei noch immer von 3 Tätern aus. Am Ende ist es nur noch einer. Die Polizei geht wieder von einem Amoklauf aus.

 

Was dieser Abend für mich aus journalistischer Sicht erneut deutlich gemacht hat: Durch die sozialen Netzwerke können wir auf viel mehr Quellen als früher zurückgreifen, das möchte ich nicht mehr missen. Es ist möglich, sich innerhalb kürzester Zeit in Hamburg einen Eindruck zu verschaffen, wie es in München, Dallas oder Istanbul gerade aussieht. Gleichzeitig sind unglaublich viele Gerüchte und Falschmeldungen unterwegs. Die zu überprüfen, kostet Zeit, und die Gefahr ist hoch, dass Unsinn weiterverbreitet wird. Zumindest teilweise ausgeglichen wird das, wenn Behörden und offizielle Stellen diesen Weg auch nutzen, um schnell zu informieren.

 

Außerdem hat sich einmal mehr gezeigt, dass es für jedes Informationsbedürfnis ein Angebot gibt. Wer in den Nachrichtenfluss eintauchen und möglichst viele Informationen will, der wird bei Live-Sondersendungen, Liveblogs und in Sozialen Medien bestens versorgt. Gleichzeitig ist wegen des Dauer-Sende-Modus die Gefahr höher, dass auch Falschmeldungen verbreitet werden.

 

Wer im Breaking-News-Fall statt dem stetigen Nachrichtenfluss kompakte und verlässliche Informationen sucht, der sollte stattdessen Radio hören. Sie verpassen nichts Wichtiges, versprochen. Gleichzeitig ersparen Sie sich jede Menge Spekulationen, Gerüchte und Halbgares. Auch mit gefälschten Bildern müssen Sie sich nicht herumschlagen.

 

(Anmerkung: Die Lizenz zum verwendeten Bild findet sich hier, das Bild selbst hier.)

Kommentar schreiben

Kommentare: 0