Wo Susanne Gaschkes Medienkritik in die Irre führt

Die ehemalige Kieler Oberbürgermeisterin und Journalistin Susanne Gaschke fragt sich, warum Medien in der Bevölkerung mittlerweile so unbeliebt sind wie Politiker. Ihre Kritik führt teilweise in die Irre.

Foto von Pixabay.com, Alexas_Fotos
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Wer den Text von Susanne Gaschke nicht kennt, hier eine kurze Zusammenfassung: Journalisten sind überheblich und haben den Kontakt zu ihren Lesern verloren. Die sehen ihre Sorgen und Nöte nicht mehr abgebildet. Ein Grund: Früher war alles besser. Da waren Journalisten klar links oder rechts, man wusste, was man zu erwarten hat. Jetzt geben sie vor, neutral zu sein.

Vertrauen und Ansehen lassen nach?

Die Probleme beginnen bereits mit der Grundannahme, Medien seien unbeliebter als früher. Die These hält sich hartnäckig, obwohl Langzeituntersuchungen ein etwas anderes Bild zeichnen. Demnach schwankt die Einstellung der Deutschen, eine Vertrauenskrise lässt sich aus den Daten aber nicht ableiten.

Auch das Ansehen des Journalisten-Standes hat sich nicht sehr verändert - es ist schon eine geraume Zeit schlecht.
Das Allensbach-Institut fragt regelmäßig danach, im Internet lassen sich die Daten bis 1999 nachvollziehen. Das Ergebnis: 1999 haben 14% der Befragten "Journalist" als einen der Berufe genannt, den sie am meisten schätzen. 2013 waren es 13%.

Schön ist das nicht - aber eben auch keine wirkliche Veränderung. Susanne Gaschke schreibt aber:

"Dass es eine Entfremdung zwischen Lesern, Zuschauern und den klassischen (Bezahl-)Medien gibt, ist inzwischen in den meisten Redaktionen angekommen. Rückläufige Auflagenzahlen, sinkende Quoten und zu wenig Nachfrage bei den Jüngeren sprechen eine deutliche Sprache."

Viele Medien haben Probleme damit, junge Menschen für ihre Angebote zu gewinnen. Es ist aber falsch, das mit einem Glaubwürdigkeitsproblem zu vermischen. Die JIM-Studie fragt seit 2005 bei jungen Menschen zwischen 12 und 19 Jahren immer wieder nach der Glaubwürdigkeit verschiedener Medien. Die Werte sind relativ konstant geblieben: Sie vertrauen im Zweifel am ehesten auf Zeitungen. Auch grundsätzlich gibt es bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein breites Vertrauen in die Medien.

Sorgen und Nöte werden nicht ausreichend abgebildet

"Laut einer Untersuchung des Instituts Emnid für N24, den Fernsehsender der "Welt"-Gruppe, finden nahezu zwei Drittel der Befragten, dass die Medien die Sorgen und Nöte der Bevölkerung nicht ausreichend abbilden."

Bei diesem Punkt verfolgt der Text keine klare Logik. Medien, die Sorgen und Nöte nicht abbilden, die also zu positiv und einseitig berichten, sind im Grunde nichts anderes als unkritisch. Bei Interviews dagegen findet Susanne Gaschke, dass Journalisten nicht zu hart sein sollten:

"Auch ist vielen Medienleuten offenbar gar nicht klar, wie menschlich unangenehm Interviews sind, die grundsätzlich wie Verhöre geführt werden. Der Interviewer ist womöglich aufrichtig überzeugt davon, er frage nur "knallhart" nach. Der Befragte sieht sich hingegen unter Generalverdacht gestellt."

Am Ende des Textes wird dann auf die Untersuchung eines Medienwissenschaftlers Bezug genommen. Demnach wird heute viel stärker negativ über politische Vorgänge berichtet als früher.

Auf der einen Seite wird in dem Text also kritisiert, dass Sorgen und Nöte nicht abgebildet werden - nur um dann zu beklagen, dass über Politik heute viel stärker negativ berichtet wird als früher.

Trend zur Herde
"Wenn vor 20 Jahren die "Süddeutsche Zeitung" eine spannende Geschichte brachte, würde der zuständige Ressortleiter einer anderen Zeitung einen Bericht über die Angelegenheit nur zugelassen haben, wenn der Autor ihr einen ganz wesentlichen neuen Gesichtspunkt hätte hinzufügen können."

Ist das ernsthaft ein erstrebenswertes Ziel? Über die Panamapapers würde nur informiert, wer NDR, WDR oder Süddeutsche Zeitung verfolgt; was Gauland über die Sorgen von Boatengs möglichen Nachbarn mutmaßt, wüsste nur der FAZ-Abonnent; wer den Spiegel nicht liest wüsste nicht, warum im DFB auf einmal helle Aufregung herrscht.Und wer sich darüber beschwert, dass der gleiche Text auf zig verschiedenen Onlineseiten steht, sollte sich fragen, für wie viele dieser Angebote er eigentlich Geld bezahlt.

Auf ein weiteres Problem weist Stefan Niggemeier hin. Viele Zitate seien aus dem Zusammenhang gerissen, der Text über schlechten Journalismus gehe selbst mit schlechtem Beispiel voran.

Dabei spricht Susanne Gaschke durchaus gute Punkte an. Ich selbst habe zwar noch nie einen Politiker angerufen und ihn gefragt, ob er nicht Satz X zu Thema Y sagen will, und ich kenne auch keinen Kollegen persönlich, der so arbeitet. Aber es kommt vor, und das ist nicht gut. Es gibt Journalisten, die sich für die besseren Politiker halten - die sich damit aber auch nicht von vielen anderen Menschen unterscheiden. Und natürlich sollten Journalisten sich in ihren Interviewpartner hineinversetzen können und wissen, wie sich ein Interview anfühlt. Aber nicht, um es danach weichzuspülen und angenehm zu machen, sondern um es besser zu führen.

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