Die Sache mit der Schweinefleischpflicht

Über die CDU in Schleswig-Holstein bricht eine Welle des Spottes herein. Sie will mehr Schweinefleisch auf den Tellern von Kantinen, Kitas und Schulen. Daraus wird schnell die Verkürzung auf eine Schweinefleischpflicht - auch wenn davon nie die Rede war. Einmal mehr läuft die Suche nach dem passenden Schlagwort ins Leere.

(Idealisiertes) Foto von PublicDomainImages, Pixabay.com
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Die ganze Sache mutet schon etwas skurril an. Eine große Volkspartei will die Landesregierung beauftragen, sich mehr um das Essen in Kantinen, Schulen und Kitas zu kümmern. In dem Antrag für den Landtag heißt es:

 

"Die Landesregierung wird aufgefordert, sich dafür einzusetzen, dass Schweinefleisch auch weiterhin im Nahrungsmittelangebot sowohl öffentlicher Kantinen als auch in Kitas und Schulen erhalten bleibt. Oberstes Ziel muss eine gesunde und ausgewogene Ernährung sein."

 

Begründet wird das Ganze damit, dass die Mehrheit in ihrer freien Entscheidung nicht von der Minderheit überstimmt werden dürfe. Von einem ist aber nicht die Rede: Von einer Pflicht, Schweinefleisch zu servieren.

 

Die Geschichte macht die Runde

 

Zuerst hatten die Lübecker Nachrichten über den Antrag berichtet. Im Teaser ist zu lesen, die CDU fordere "eine Schweinefleisch-Pflicht" für alle öffentlichen Kantinen im Land. Das Stichwort ist gesetzt. Später im Artikel liest sich das Ganze dann schon anders. Da stellt der Landwirtschaftspolitiker der Partei klar, er wolle keinesfalls vorschreiben, an einem Tag müsse Schweinefleisch serviert werden. Stattdessen will er eine Empfehlung an die Kantinen im Land, Schweinefleisch auf dem Speiseplan zu lassen. Und der Fraktionschef sagt, dass kein Moslem gezwungen werden soll, Schweinefleisch zu essen.

 

Hier wäre die Geschichte eigentlich zu Ende. Eine Partei möchte eine Empfehlung an die Kantinen im Land. Am Ende könnten die immer noch selbst entscheiden. Bestenfalls bietet das ganze (reichlich) Stoff für Witze, Satire-Sendungen und Glossen. Man könnte auch darüber diskutieren, wie wichtig Schweinefleisch wirklich für die "gesunde und ausgewogene" Ernährung ist.

 

Stattdessen kommt das Thema in die sozialen Netzwerke und nimmt an Fahrt auf. Als erster Bundespolitiker äußert sich der Grüne Konstantin von Notz bei Twitter:

Der Hashtag #Schweinefleischpflicht ist gesetzt, macht die Runde und landet in den Trends. Der Tenor vor allem: Bescheuerte Idee. Der FDP-Vorsitzende Lindner vertwittert fleißig Bilder, was er und andere zum Mittag hatten.

 

Eine politische Aussage lässt sich nicht immer auf ein Wort reduzieren

 

So griffig der Hashtag ist - so falsch ist er. Eine Empfehlung an die Kantinen ist keine Pflicht. Das wird in dem Artikel auch deutlich. Wer aber nur den Teaser liest, wird in die falsche Richtung gelenkt. Beim Reizthema Flüchtlinge wird das immer wieder kritisiert. Aufzuhalten ist der Empörungszug aber nicht mehr. Tweet folgt auf Tweet. Dabei regen sich die meisten Menschen über etwas auf, das so nie gefordert wurde. Der zugehörige Hashtag gibt die Wahrnehmung der Geschichte vor. Dabei wäre es dringend notwendig, dass ein prominenter Account einmal "Stopp!" ruft. Stattdessen springen viele auf den Zug mit auf.

 

Die Suche nach einem griffigen Schlagwort für Twitter und Co führt immer wieder dazu, dass das falsche gewählt wird. Das lenkt die Debatte in die verkehrte Richtung. Und es führt dazu, dass am Kern vorbei diskutiert wird. Denn der Antrag der CDU ist eigentlich obsolet:

 

  1. Es soll mehr Schweinefleisch auf den Tisch kommen. Gleichzeitig soll kein Moslem gezwungen werden, es zu essen.
  2. Das funktioniert nur, wenn die Kantine mindestens zwei Essen anbietet, oder das Eine problemlos auch ohne das Stück Fleisch funktioniert.
  3. Wenn die Kantine mindestens zwei Essen anbietet, kann man sowieso auswählen. Dann müssen Schweinefleischesser auch nicht unter Vegetariern und Moslems leiden.

 

Thema erledigt.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Alex (Mittwoch, 02 März 2016 11:39)

    Das Problem ist doch: Als die Grünen vorschlugen, man könne doch in Kantinen von Behörden etc. einen "Veggie-Day" pro Woche einführen, schlug ihnen die gleiche Empörung von der anderen Seite entgegen. Dabei war es auch nichts anderes: Keine "Pflichtforderung", sondern ein Vorschlag.
    Die CDU bekommt jetzt eben mal die eigene Medizin zu schmecken. Und ich denke, vielen, die die "Schweinefleischpflicht" weiterverbreiten, ist das sehr wohl bewusst und sie tun es der Ironie der Situation wegen.