Das Streik-Rekordjahr. Vielleicht. Oder auch nicht.

"2015 dürfte ein Streik-Rekordjahr wie 2006 werden." Diese Aussage eines Wissenschaftlers des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln hat es am Donnerstag in viele Medien geschafft. Dabei ist sie fragwürdig.

"Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will." Bild: pixabay.com, Niek Verlaan
"Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will." Bild: pixabay.com, Niek Verlaan

Streiks von Kita-Mitarbeitern und anderen Angestellten in Sozial- und Erziehungsberufen, Streiks bei der Bahn, Streiks der Piloten, Streiks im öffentlichen Dienst und Streiks bei der Post. Klar, dieses Jahr wird in Deutschland besonders viel gestreikt. Von einem Rekord-Jahr war nun in der Rheinischen Post die Rede. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln hat errechnet, dass es dieses Jahr bereits doppelt so viele Streiktage gibt wie 2014.

 

Diese kleine Meldung findet Verbreitung in vielen anderen Medien. Nicht als großes Thema, aber es kommt vor. Besonders die griffige Formulierung des Streik-Rekordjahres ist beliebt. Eine Behauptung, die die These untermauert: Die Sache mit den Streiks läuft aus dem Ruder.

 

Im Radio war die Schlagzeile zu hören:

 

"Experte erwartet Streik-Rekordjahr"

 

Bei der Welt wird daraus in der Überschrift:


Und N24 guckt in die Zukunft und macht den Sack gleich ganz zu:

 

Die Original-Meldung in der Rheinischen Post:

 

"Allein durch die Streikwellen im öffentlichen Dienst, in der Metall- und Elektroindustrie, bei der Post, in den Kitas und bei der Bahn kamen 2015 schon über 350 000 Ausfalltage zustande", sagte IW-Forscher Hagen Lesch. Dagegen hatte es 2014 laut der Bundesagentur für Arbeit nur 156 000 Streiktage gegeben. Auch 2013 hatte sie nur 160 000 Streiktage registriert. "2015 dürfte ein Streik-Rekordjahr wie zuletzt 2006 werden", sagte Lesch."

 

Anruf beim IW Köln. Auf Nachfrage hält Dr. Lesch an der Formulierung grundsätzlich fest, schränkt aber ein, sie beziehe sich auf die letzten 20 - 25 Jahre. Das ist auch notwendig. 1992 gab es durch Streiks 1,5 Millionen Ausfalltage. Dreimal so viele wie im "Rekordjahr" 2006. 1984 waren es 5,6 Millionen - in beiden Fällen nur in Westdeutschland. Diese Zahlen hat die Hans-Böckler-Stiftung zusammengestellt. Grundlage bei ihr - und auch beim IW Köln - sind Zahlen der Bundesagentur für Arbeit.

 

Von einem "Streik-Rekordjahr" zu sprechen geht für mich deshalb zu weit. Ein Rekord ist ein Rekord. Es gibt bei den Olympischen Spielen auch keine 100-Meter-Bestzeit der letzten 20 Jahre. Es ist vor allem aber auch gar nicht notwendig, zu übertreiben. Die Zahlen sind auch so eindrucksvoll.

 

Wer den Superlativ dennoch will, sollte ihn einschränken. Macht er das nicht, unterstützt den Eindruck, dass die Streikkultur in Deutschland aus den Fugen gerät. Arbeitgeber und wirtschaftsnahe Politiker deuten das gerne an. Vielleicht ändert sich gerade auch wirklich etwas - aus der Zahl, wie viel in einem Jahr gestreikt wird, kann man das aber nicht ablesen. Streiks verlaufen immer in Wellen. Und die vergangenen Jahre wurde, laut der Statistik, nicht besonders viel gestreikt.

 

In einigen Redaktionen wird man sich sagen: Wir zitieren ja nur und nennen die Quelle. Damit hat man zwar formal alles richtig gemacht. Ich finde aber nicht, dass das reicht. Eine falsche Aussage bleibt, auch bei Nennung der Quelle, eine falsche Aussage.

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