Pegida und die angebliche Islamisierung des Abendlandes

Pegida-Anhänger ziehen seit Wochen durch Dresden oder andere Städte. In Nachrichtenmeldungen heißt es dann oft, dass sie gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes auf die Straße gegangen sind. Doch das Wort "angeblich" hat hier nichts zu suchen.

Pegida-Demo am 1.12.2014 in Dresden. Foto von flickr.com, Caruso Pinguin
Pegida-Demo am 1.12.2014 in Dresden. Foto von flickr.com, Caruso Pinguin

Wer Nachrichten hört, liest oder sieht erwartet nicht nur aktuelle Informationen, sondern auch wertfreie. Der Hörer, Leser oder Zuschauer soll die Möglichkeit bekommen, sich selbst eine Meinung zu bilden.


"Die benutzten Wörter dürfen weder offen noch versteckt eine Wertung enthalten."


So formulieren es Dietz Schwiesau und Josef Ohler in ihrem Buch "Die Nachricht". Wenn es um Proteste von Pegida und den Ablegern geht ist eine Formulierung üblich geworden, die meiner Meinung nach gegen diesen Grundsatz verstößt:


"Sosundsoviele Menschen haben gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes protestiert."


Die Google-News-Suche liefert für die Kombination "angebliche Islamisierung" mehr als 3000 Ergebnisse. Auch wenn davon etliches Berichte, Kommentare oder Interviews sind, auch in vielen Nachrichtenmeldungen kommt diese Formulierung immer wieder vor.


Ich finde sie wertend. Weil die Islamisierung nur angeblich ist gibt es eigentlich keinen Grund für die Proteste. Das kann die Meinung des Redakteurs sein. In einer Nachrichtenmeldung hat sie so aber nichts zu suchen.

Dahinter steckt die Absicht, von dem Inhalt der Proteste Abstand zu nehmen und sich die Position nicht zu eigen zu machen. Im Grunde also der Versuch, unparteiisch zu sein. Das ist an sich journalistisch auch geboten - aber nicht so.


Proteste gegen angeblich zu hohe Mieten?


Eine Demonstration ist immer eine Veranstaltung, bei der eine Gruppe von Menschen die eigene Meinung kundtut: TTIP schadet, Wohnungen sind zu teuer, Hartz 4 ist ungerecht. Das ist sicherlich ist auch jedem Hörer, Leser oder Zuschauer klar. In der Regel gibt es auch unterschiedliche Ansichten über das Thema: TTIP ist gut, Wohnungen sind noch immer bezahlbar, Hartz 4 ist notwendig. Das Thema ist also immer umstritten. Trotzdem kann ich mich an keine Meldung erinnern, Menschen hätten gegen angeblich zu hohe Mieten protestiert.


Das bedeutet nicht, dass die Behauptung von Demonstranten eins zu eins transportiert werden muss. Wenn ein Redakteur der Meinung ist, dass eine zusätzliche Distanzierung nötig ist, kann er statt "angeblich" zu nutzen auf andere und neutrale Formulierungen zurückgreifen. Etwa: "Die Demonstranten haben nach eigenen Angaben Angst vor..." oder "... sie befürchten". Damit würde explizit deutlich gemacht, dass es sich um die Meinung der Demonstranten handelt.


Eine Nachricht bietet aber auch die Möglichkeit, sich inhaltlich mit dem Thema auseinanderzusetzen, denn sie soll alle Seiten zeigen. Zahlen widersprechen der These der Islamisierung, es gibt viele Faktenchecks zu den Parolen von Pegida. Gute Gründe, der Behauptung etwas entgegenzusetzen.


So ist es möglich, andere Stimmen zu Wort kommen zu lassen: Reaktionen und Widerspruch aus der Gesellschaft, von Vereinen, Verbänden, der Kirche, der Politik. Es ist möglich, einen Fakt gegen die Behauptung zu setzen: "Laut einer Studie der Islamkonferenz wohnen 0,7 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime in Sachsen, etwa 28.000."


Die Sprache würde damit wertfrei, das Thema von mehreren Seiten beleuchtet und die Nachricht objektiver.


Inzwischen gibt es auch eine weitere Möglichkeit, weil Pegida bekannt ist. Zum Anfang musste der Begriff noch erklärt werden, dadurch fiel die "Islamisierung" zwangsläufig. Mittlerweile können Nachrichten aber unkomplizierter Forderungen aufgreifen und so die "Islamisierung" umgehen: "In Dresden haben mehr als 25.000 Anhänger der Pegida-Bewegung demonstriert. Sie forderten unter anderem strengere Regeln in der Asylpolitik und für Zuwanderer." Ergänzen ließe sich das etwa um den Fakt: "Im vergangenen Jahr waren in Deutschland etwa 31 Prozent aller Asylanträge erfolgreich."


(Bild: flickr.com, Caruso Pinguin, CC BY-NC 2.0, unverändert)


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