Gestritten wird im Kindergarten und eher nicht in der Politik

Wenn sich politische Parteien über Themen auseinandersetzen ist schnell vom Streit die Rede. Dabei sollte man mit diesem Wort vorsichtiger sein.

Bild: pixabay .com, RyanMcGuire
Bild: pixabay .com, RyanMcGuire

Das politische Berlin besteht aus einem Haufen zänkischer Kinder. Könnte zumindest denken, wer liest, wie häufig dort gestritten wird.

 

"Neuer Streit über die Maut-Belastungen" schreibt die Mitteldeutsche Zeitung.

 

"Seit Monaten gibt es (wegen der Maut) Streit." schreibt Spiegel Online.

 

Aber gestänkert wird nicht nur bei der Maut.

 

"Streit um den Soli" gibts bei der Kölnischen Rundschau.

 

"Streit um Mindestlohn-Ausnahmen" beobachtet das Handelsblatt.

 

"Streit über Rüstungspolitik" beschreibt Focus Online.

 

Aber immerhin: bei der Welt wurde der "Streit um die Frauenquote beigelegt".

 

Das Thema ist beliebig und nicht nur auf Berlin beschränkt. Auch in den Landesparlamenten oder den Städten und Gemeinden wird gestritten. Sobald verschiedene Standpunkte aufeinandertreffen ist davon die Rede. Meistens zu Unrecht. Der Duden versteht unter einem Streit:

 

"heftiges Sichauseinandersetzen, Zanken [mit einem persönlichen Gegner] in oft erregten Erörterungen, hitzigen Wortwechseln, oft auch in Handgreiflichkeiten"

 

Zanken. Das klingt nach Kindergarten: Wer darf mit dem Bagger spielen?

Erregte Erörterung / hitzige Wortwechsel. Das klingt schon etwas mehr nach Politik. Das klingt nach einem verbalen Schlagabtausch. Gysi am Rednerpult, den Blick anklagend auf die Regierungsbank gelenkt. Oder nach einer Talkshow. Nicht aber nach voneinander unabhängigen Interviews in diversen Zeitungen, die in einer Zusammenfassung gerne zum Streit gemacht werden.

Handgreiflichkeiten. Die kennt man aus dem hiesigen Politikbetrieb kaum, eher aus anderen Regionen. In manchen Parlamenten wird gerne mal zugelangt.

Heftiges Sichauseinandersetzen. Hier fließt das persönliche Empfinden in die Bewertung mit ein. Was für den einen eine intensive Debatte ist, ist für den anderen schon mehr.

 

Das andauernde Reden von Streit könnte die Politikverdrossenheit fördern

 

Viele politische Auseinandersetzungen werden zwar anhaltend geführt und in Interviews immer wieder untermauert. Damit werden sie aber nicht automatisch heftig. Eine normale politische Auseinandersetzung ist kein Streit. In der Politik treffen immer unterschiedliche Standpunkte und Ansichten aufeinander. Umso mehr, wenn es sich um eine Koalitionsregierung handelt. Was der eine will lehnt der andere ab. Am Ende steht meistens ein Kompromiss. Das ist Demokratie. Wenn jede politische Auseinandersetzung zum Streit erhoben wird, könnte das am Ende die Politikverdrossenheit fördern. In der Wahrnehmung der Leser, Hörer und Zuschauer wird dann schließlich nurnoch gestritten. Und wer will schon von einem zänkischen Haufen regiert werden.

 

Das heißt nicht, dass Politiker sich nicht auch streiten können. Zum Beispiel, wenn es persönlich wird. Wenn Unionsfraktionschef Volker Kauder der Familienministerin vorwirft, weinerlich zu sein, ist das zum Beispiel zumindest nah dran. Aber solche Ausfälle sind die Ausnahme.

 

Das andauernde Herbeireden eines Streits in der Politik vermittelt aber nicht nur einen falschen und sogar gefährlichen Eindruck der Arbeit von Politikern. Es beraubt die Journalisten auch der Möglichkeit, vom Streit zu sprechen, wenn es wirklich dazu kommt. Er kann dann nurnoch eskalieren und wird dadurch noch einmal mehr erhöht.

 

Der Begriff "Streit" ist griffig. Vielleicht ist er deshalb so beliebt. Das ändert aber nichts daran, dass er meistens falsch ist. Alternativen gibt es genug. Von der Debatte oder der Diskussion über Spannungen bis hin zur Auseinandersetzung.



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