Die IS und die Medien - wenn Nachrichten Propaganda verbreiten

Die Extremistengruppe "Islamischer Staat" hat dazu aufgerufen, Ungläubige zu töten. Die Organisation ist in Deutschland mittlerweile verboten, aber ihren Aufruf zu einer Straftat haben viele Medien verbreitet.

Screenshot des Videos "The Islamic State" von Vice News
Screenshot des Videos "The Islamic State" von Vice News

Vor einigen Monaten waren sie plötzlich da, für die Meisten wie aus dem Nichts. Kämpfer mit schwarzer Kleidung und Sturmgewehren. Sie verjagten eine von Amerika ausgerüstete Armee, nahmen etliche Städte ein, erreichten fast Bagdad. Sie mordeten und plünderten. Die IS-Extremisten haben es in kurzer Zeit geschafft, zum festen Bestandteil der Nachrichten zu werden. Grund ist nicht nur ihr militärischer Erfolg. Sie verbreiten Angst und Schrecken - schon immer eines der Ziele von Terroristen. Und sie wirken über die Grenzen des Iraks und Syriens hinaus. Die IS setzt dafür auch immer wieder auf die Kraft der Medien. Für die ist es ein schmaler Grat zwischen Propaganda und dem Auftrag, zu informieren. Dabei hilft meiner Meinung nach folgende Frage: Bekommt der Zuschauer eine neue, wesentliche Information oder nicht.

 

HD Videos statt Tonaufnahmen in schlechter Qualität

 

Auch früher haben Terroristen - von der RAF bis zur Al-Qaida - die Medien benutzt, um ihre Botschaften zu transportieren. Flugblätter, Tonaufnahmen oder Videos wurden von den Gruppen verbreitet und der Inhalt fand vor allem über die Medien zu den Menschen. Doch während Al-Qaida noch vor einigen Jahren den Weg über teils obskure Internetseiten gehen musste hat die IS heute ein viel breiteres Repertoire zur Verfügung. Auf Facebook, YouTube und Twitter kann sie ihre Botschaften direkt an den Mann bringen.

 

Das tut die IS auch sehr erfolgreich. Ein Vice-Reporter drehte ein viel beachtetes Video aus dem Inneren des selbst geschaffenen Kalifats. Doch was viele Menschen verstört - zu sehen sind mörderische, mittelalterliche Szenen und Kinder, die Ungläubige töten wollen - begeistert andere. Das Video erfüllt mehrere Funktionen: Es erschreckt und verbreitet Angst bei den Gegnern, und es motiviert die eigenen Anhänger. Sie können sehen, wie es im Kalifat ist. Das Video ist auf der einen Seite Propaganda, auf der anderen Seite aber auch Information. Denn es gibt einen gelenkten, aber brutalen Einblick in das Innenleben der IS und des Gebietes, das sie kontrollieren.

 

Anders verhält es sich bei den Videos, in denen Geiseln getötet werden. Der einzige Grund, diese Videos zu zeigen, ist Sadismus. Es gibt nichts Neues zu lernen. Die meisten Medien haben sich hier auch sehr zurückgehalten und etwa nur Standbilder gezeigt. Die Nachrichtenagentur AFP geht noch einen Schritt weiter und versucht, der Wirkung der Videos etwas entgegenzusetzen, indem Bilder des Opfers vor seiner Entführung gesucht und verbreitet werden.

 

Ermordungsbilder nein - Mordaufruf ja?

 

Wenn es aber "nur" um Sprache geht sind viele offenbar nicht so genau. Der Aufruf der IS, Ungläubige vor allem in den Ländern zu töten, die gegen die IS kämpfen, hat es in viele Medien geschafft. Unter anderem Focus Online hat berichtet:

Screenshot des Focus Online-Artikels
Screenshot des Focus Online-Artikels


Es lässt sich nicht sagen, dass nur bestimmte Medien der IS in die Falle getappt sind. Viele haben berichtet, auch einige öffentlich-rechtliche Sender. Dabei handelt es sich um nichts anderes als Propaganda und Panikmache. Es gibt für den Hörer/Zuschauer/Leser keine neuen Informationen, die die Verbreitung der Propaganda rechtfertigen würden. Anders als im Fall des Videos aus dem selbst geschaffenen Kalifat. Denn es ist nicht neu, dass Islamisten Ungläubige töten wollen. Und es gibt auch erstmal keine konkrete Gefahr.

 

Eine Twitter-Umfrage bei Kollegen ergab auch, dass die Meisten die Meldung ablehnen bzw. nur unter Bedingungen senden würden:


Das bedeutet nicht, dass über Drohungen nicht mehr berichtet werden sollte. In diesem Fall hätte die Meldung eine wesentliche Information. Aber es handelt sich eben (noch) nicht um eine Drohung.

 

Terroristen nutzten schon immer alle möglichen Wege, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Nur hat die IS mehr Wege zur Auswahl als frühere Organisationen. Das macht den kritischen Blick der Redaktionen auf den Inhalt noch wichtiger.

 

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