Schnell ja, aber bitte verständlich

Am Donnerstag um kurz vor 5 kam die Eilmeldung, die ukrainische Regierung sei zurückgetreten. In den Nachrichten um 17 Uhr war das Thema in vielen Ausgaben nicht dabei. Nicht bei allen Kollegen traf das auf Verständnis, viele wollen um jeden Preis aktuell sein. Dabei ist Schnelligkeit an sich kein Wert. Und sie kann sogar auf die falsche Fährte führen.

Bild: pixabay.com, OpenClips
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Früher waren die Eilmeldungen nur für die Redaktionen sichtbar, heute kann sie jeder bekommen. Als Pushmitteilung aufs Handy, Bauchbinde im Fernsehen, bei Twitter. Dadurch fühlen sich manche Kollegen offenbar unter Druck, mitzuhalten. Weil es aufs Handy kommt muss es ins Radio, besser noch vorher. Davon abgesehen, dass gar nicht so viele Menschen Nachrichten auf ihr Handy bekommen wie Medienmenschen es denken - diese Meldepanik kann nicht nur zur Folge haben, dass der Hörer/Leser/Zuschauer abstumpft. Zum inflationären Gebrauch von Eilmeldungen finden sich schon Gedanken im Blog von Udo Stiehl und Marc Krüger. Daran möchte ich anknüpfen, denn das Beispiel der zurückgetretenen ukrainischen Regierung zeigt, was die gedankenlose Eilmeldung auch für falsche Schlüsse zulässt.

Um 16:56 Uhr gab es eine DPA-Eilmeldung:

"Die Regierung der Ukraine ist am Donnerstag zurückgetreten. Das teilte Ministerpräsident Arseni Jazenjuk in Kiew mit.“

 

Um 16:59 kam eine etwas längere AFP Eilmeldung:

"Angesichts des Bruchs der Regierungskoalition in der Ukraine hat Ministerpräsident Arseni Jazenjuk seinen Rücktritt erklärt. Er ziehe die Konsequenzen aus der Auflösung der Regierungskoalition, erklärte Jazenjuk am Donnerstag im Parlament in Kiew. Zuvor hatten mehrere Regierungsparteien ihren Rückzug aus der Koalition verkündet, sie wollen damit den Weg für vorgezogene Parlamentswahlen ebnen."


Eilmeldungen der Agenturen sind erstmal nur für die Redaktionen bestimmt. Und das Thema ist auch eine Eilmeldung wert. Das heißt aber nicht, dass man sie so weitergeben muss. Die gängigen Nachrichtenseiten haben aber Eilmeldungen platziert, für ihre Apps Push-Mitteilungen rausgeschickt und getwittert. (SPON muss mal wieder exemplarisch herhalten.)

 

Um 17 Uhr hätten auch die Radionachrichten natürlich genau den Inhalt der AFP vorlesen können. Aber damit wäre den meisten Hörern kaum geholfen. Genauso wie den meisten Lesern mit dieser Pushmitteilung aufs Handy nicht geholfen war. Denn bis dahin war nur dem geneigten Ukraine-Kenner bekannt, dass es in der Regierung derart gärt. Mit einer Meldung "Angesichts des Bruchs der Regierungskoalition..." hätte kaum einer ernsthaft etwas anfangen können.

Stattdessen könnte das sogar auf die falsche Fährte führen. Immerhin wird die ukrainische Regierung von einigen verdächtigt, für den Abschuss von Flug MH17 über der Ostukraine verantwortlich zu sein. Wer nur hört, dass die ukrainische Regierung zurücktritt, könnte einen Zusammenhang herstellen, wo es offenbar keinen gibt.

Tatsächlich hat ein Sender es so gemacht. An einen Beitrag über die Debatte um schärfere Sanktionen gegen Russland hingen die Redakteure die Sätze:

"Und soeben erreichte uns folgende Eilmeldung. Die ukrainische Regierung soll zurückgetreten sein. Das teilte Ministerpräsident Jazenjuk in Kiew mit. Weitere Einzelheiten dazu sind noch nicht bekannt."

Viel Raum für Spekulationen.

Wenn man sich dagegen nur kurz zurücknimmt, auf weitere Informationen wartet (die ja meistens nur wenige Minuten brauchen) und noch selbst recherchiert, kann man eine Meldung schreiben, die die Ereignisse wiedergibt und richtig einordnet. Das dauert dann ein paar Minuten, aber die sind es wert. Regierung tritt zurück - zuvor hatten andere Parteien die Koalition verlassen, um Neuwahlen zu erreichen - sie wollen damit die pro-russischen Kräfte schwächen - die sitzen noch im Parlament / Präsident Poroschenko will bereits seit einiger Zeit Neuwahlen, um seine Macht zu festigen.

Wer ein Newsjunkie ist und jede Meldung sofort braucht, der sitzt nicht zitternd vor Aufregung am Radio und hört eine Popwelle. Vermutlich nicht mal eine Infowelle. Alle anderen freuen sich über Meldungen, mit denen sie etwas anfangen können, und die sie nicht ratlos zurücklassen.

 

 

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