Wie Zeitungen über die Mindestlohn-Sonderregeln für Zeitungsboten schreiben. Oder eben nicht

Der Bundestag hat den Mindestlohn mit Ausnahmen und Einschränkungen beschlossen. Eine bertrifft Zeitungszusteller. Sie müssen länger auf 8,50 Euro pro Stunde warten. Was schreiben die Zeitungen dazu? Die meisten erwähnen das nur am Rand. Eine kleine Presseschau.

Der Titel der taz am Donnerstag, als der Mindestlohn auf der Bundestags-Agenda stand. Foto: Privat
Der Titel der taz am Donnerstag, als der Mindestlohn auf der Bundestags-Agenda stand. Foto: Privat

Beginnen wir mit Deutschlands auflagenstärkster Tageszeitung, der BILD. Sie hat sich dem Thema Mindestlohn bereits am Donnerstag gewidmet, mit einem Porträt von Andrea Nahles. Dabei hat sie kurz den Mindestlohn zu einer "uralt Forderung" der SPD gemacht, "ein Traum, so alt wie Gewerkschaften." Stimmt nicht ganz, die SPD hat die Forderung nach einem Mindestlohn erst seit 2005 im Wahlprogramm - die Linkspartei seit 2002. Ansonsten erwähnt die BILD in dem Artikel die Übergangsregeln für Zeitungsboten

Die BILD zeigt mit dem Finger lieber auf das hohe Einkommen anderer, statt darüber zu sprechen, warum Verlage Mindestlohn-Sonderregeln durchgesetzt haben. Foto: Privat
Die BILD zeigt mit dem Finger lieber auf das hohe Einkommen anderer, statt darüber zu sprechen, warum Verlage Mindestlohn-Sonderregeln durchgesetzt haben. Foto: Privat

Am nächsten Tag begnügt sie sich dann damit, in wenigen Zeilen den Mindestlohn zu verkünden. Bebildert wird das mit vier Gewerkschaftsbossen auf der Zuschauertribüne des Bundestages. Dazu rechnet die Bild aus, dass sich "664 743 Euro Jahresgehalt über 8,50 Euro Mindestlohn" freuen.

 

Die Welt wählt eine Formulierung, die deutlich machen soll, wie schwer es Verlage haben. Ihnen "soll die Umsetzung des Mindestlohns erleichtert werden, indem sie die 8,50 Euro für ihre etwa 160tausend Zusteller im Jahr 2015 um 25 und 2016 um 15 Prozent unterschreiten dürfen." In einem Kommentar zum Thema lässt sich Ulf Poschardt darüber aus, dass die Generation Praktikum einpacken kann und der Haarschnitt für die untere Mittelschicht zum Luxus werden wird.

 

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung erwähnt keine der Ausnahmen oder Sonderregelungen. Stattdessen wird spekuliert, dass Teile der Landwirtschaft aus Deutschland abwandern. In anderen Bereichen würden Maschinen die Arbeit übernehmen. (Vielleicht bringt bald ein Roboter die Zeitung?)

Die Süddeutsche Zeitung widmet den Zeitungsboten einen ganzen Absatz und nutzt dafür die Kritik der Opposition an dem Gesetz. "Sie wollten keine schlechte Presse. Und ausbaden müssen das die Zeitungszusteller", wird Brigitte Pothmer von den Grünen zitiert. In einem Interview weist FDP-Chef Christian Lindner darauf hin, dass die SPD ein enormes Beteiligungsvermögen an Verlagen habe. Und ausgerechnet für die gebe es nun Ausnahmen.

Am deutlichsten geht das Thema die tageszeitung taz an. Unter der Schlagzeile "Wir Ausbeuter" (siehe oben) widmet sie die Titelseite den Zeitungsboten. Auch denen, die die taz austragen. Allerdings, so der Artikel, hat die Zeitung Verträge mit der Post und Regionalzeitungen, die dann meist über Vertriebsgesellschaften und Agenturen die Zeitungen liefern. Was ein Zusteller am Ende verdient könne man kaum beeinflussen. Der Geschäftsführer äußert am Ende noch die Befürchtung, dass der Mindestlohn in ländlichen Gebieten wohl zu Scheinselbstständigkeiten oder Stellenabbau führen werde. Eine gedruckte Zeitung könnte durch ein E-Paper ersetzt werden. "Dann wäre für den Boten nicht der verzögerte Mindestlohn das Problem, sondern die Frage, ob er seinen Job behält."

 

Die meisten Zeitungen verschweigen die Sonderregelungen für ihre Zusteller nicht. Sie gehen aber leichtfüßig darüber hinweg. In den Kommentaren und Leitartikeln wird stattdessen lieber über die Sozialliturgie der Deutschen (Die Welt) geklagt oder es werden Tränen darüber vergossen, dass das Erbe der Marktwirtschaft von Ludwig Erhard nicht mehr gilt (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Den Mut, die eigene Rolle und die eigene Lobby zu thematisieren, finden in dieser kleinen überregionalen Presseschau nur wenige.

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Kommentare: 1
  • #1

    Katja (Donnerstag, 16 Oktober 2014 12:20)

    Verständlich, dass auch diese versuchen dem Thema aus dem Weg zu gehen, aber es bleibt in manchen Bereichen einfach nicht aus und der Mindestlohn muss eingeführt werden. Eine andere Lösung wäre sicherlich vielen lieber, aber das liegt am Ende ja an einem Unternehmen selbst.