Wir feiern die Pampigkeit. Warum Mertesacker kein Held ist

Per Mertesacker blafft in einem Interview direkt nach dem WM-Achtelfinale Deutschland-Algerien den ZDF Reporter an. Dafür wird er jetzt wie ein Held gefeiert. Zu Unrecht.

Was war passiert? Der ZDF-Reporter hatte Mertesacker zum Erreichen des Viertelfinales gratuliert und wollte dann wissen, was das deutsche Spiel so schwerfällig gemacht habe. "Ist mir völlig wurscht" war die Antwort. Weiter ging es mit "Was wollen Sie jetzt von mir, so kurz nach dem Spiel."

 

Auf jeden Fall ein Interview, dass aus der Masse heraussticht, das Unterhaltungswert hat. Man könnte das ganze unter dem Punkt "emotional reagiert" abhaken. Man könnte darüber nachdenken, ob die Strategie des Reporters richtig war. Oder erstaunt sein über die zunehmende Wagenburg-Mentalität des DFB-Teams. Doch Mertesacker für seine Pampigkeit zu feiern, weil er es dem Reporter gezeigt hat, schießt über das Ziel hinaus.

 

Die Spanne des Zuspruchs reicht bei Facebook von "Dumme Fragen des Reporters" über "Sowas fragt man nicht, nachdem jemand 120 Minuten über das Feld gerannt ist" bis hin zu "Statt sich zu freuen, dass wir gewonnen haben, wird in Deutschland immer gleich das Haar in der Suppe gesucht." Nach Jürgen Klopps Interview mit Jochen Breyer gibt es endlich mal wieder einen Fußballer, der es den Reportern zeigt. So in etwa der Tenor.

 

Doch Mertesacker eignet sich nicht als Held. Denn anders als im Fall des Klopp-Interviews waren die Fragen nicht schlecht, sondern sie waren richtig. Ein Spieler sollte einschätzen, warum das Spiel so anfällig war. Daran ist nichts verkehrt.

Wer sich daran stört, dass nach einem anstrengenden Fußballspiel Fragen beantwortet werden müssen, sollte dieser Logik auch noch einen Schritt weiter folgen. Denn dann dürfte es auch keine Fragen mehr nach nächtlichen Krisensitzungen der Politiker geben. Die haben schließlich stundenlang verhandelt. Und überhaupt werden Fragen erst dann gestellt, wenn es dem Gegenüber genehm ist. Es wäre bedenklich, wenn jeder, der Mertesacker feiert, das so sieht.

 

Wer sich grundsätzlich daran stört, dass diese Interviews nichts bringen, weil die Spieler (fast) immer das gleiche sagen, möge sich an die Organisatoren wenden. Die UEFA hat für die Champions-League enge Vorgaben zum Ablauf der Interviews gemacht. Anzunehmen, dass die FIFA es bei der WM nicht anders handhabt. Der Reporter ist kein Blitzableiter.

 

Per Mertesacker und seine Kollegen haben sich in 120 Minuten 50.000 Euro Prämie erspielt. Benimm-Kurse sind deutlich günstiger.

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