Critical Mass: Wenn Journalisten Argumente übernehmen, statt sie zu prüfen

Critical Mass ist der neue Flashmob-Trend. In Hamburg haben sich zuletzt mehr als 5000 Radfahrer zusammengefunden, um gemeinsam durch die Stadt zu radeln. In anderen Städten sind es weniger, aber auch hier gibt es diese Bewegung. Verkehrsbehinderungen bleiben da nicht aus. Viele wollen damit auf die schlechten Radwege hinweisen und zu mehr gegenseitiger Rücksichtnahme von Autofahrern und Radfahrern aufrufen.

Natürlich berichten auch die Medien - und liefern ein Beispiel dafür, dass auch die Argumente für gute Ziele nicht ungeprüft übernommen werden sollten.

Critical Mass in Vancouver. Foto von flickr.com, ItzaFineDay
Critical Mass in Vancouver. Foto von flickr.com, ItzaFineDay

Das soll in Deutschland erlaubt sein?

5000 Radfahrer fahren durch Hamburg und blockieren die Straßen. Schwer zu glauben, dass das in Deutschland erlaubt sein soll, auch wenn die Veranstalter, die offiziell keine sind, das so sagen. Und die Artikel, Beiträge und Filme das auch so sagen.

 

Critical Mass sieht sich nicht als Demo, es gibt keinen Veranstalter und keine Organisatoren. Der Startpunkt der nächsten Radel-Runde wird im Internet bekannt gegeben, und wer will, kommt. Das Gesetz sehen die Radfahrer auf ihrer Seite. Das Argument: Mehr als 15 Radfahrer (die kritische Masse) bilden einen geschlossenen Verband, vom Anfang bis zum Ende, und dürfen damit auf der Straße fahren. So stehe es in der Straßenverkehrsordnung.

 

Die Artikel, Beiträge und Filme zu diesem Thema, die ich bislang gesehen habe, übernehmen das Argument. Es wird nicht im Konjunktiv wiedergegeben, sondern diese Interpretation wird als gegeben hingestellt. Das Problem: Sie ist nicht gegeben. Der entsprechende Paragraph 27 der Straßenverkehrsordnung besagt:

 

"Mehr als 15 Rad Fahrende dürfen einen geschlossenen Verband bilden. Dann dürfen sie zu zweit nebeneinander auf der Fahrbahn fahren."

 

Zu zweit. Nicht zu dritt. Nicht zu viert. Und auch nicht auf der Busspur. Das alles passiert aber.

 

In vielen Artikeln, Beiträgen und Filmen wird der Eindruck erweckt, das sei ohne wenn und aber erlaubt. Es wird die Erklärung übernommen, die auch auf den Webseiten der Critical Mass-Bewegung zu lesen ist. Journalistisch ist das nicht. Die Vorstellung, was passiert, wenn 5000 Radfahrer vorschriftsmäßig zu zweit nebeneinander fahren, sei jedem selbst überlassen. Wer in das Gesetz guckt wird dazu noch einen weiteren Absatz entdecken:

 

"Geschlossene Verbände, Leichenzüge und Prozessionen müssen, wenn ihre Länge dies erfordert, in angemessenen Abständen Zwischenräume für den übrigen Verkehr frei lassen; an anderen Stellen darf dieser sie nicht unterbrechen."

 

Diese Abstände für den übrigen Verkehr werden aber nicht gelassen, sondern er wird blockiert. Es gebe also genügend Ansatzpunkte zu der berühmten kritischen Nachfrage. Auch wenn die Berichterstatter das ganze vielleicht sympathisch finden.

 

Achja: die Radwege in Hamburg sind fürchterlich. Die Radel-Runden beginnen (zumindest in Hamburg) in den Abendstunden und nicht während des Berufsverkehrs. Mir geht es nicht um die Ziele der Bewegung oder das gewählte Mittel, sondern um den journalistischen Umgang mit den Argumenten.

 

(Foto von ItzaFineDay)

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Kommentare: 1
  • #1

    Steffen (Donnerstag, 05 Juni 2014 21:50)

    Hallo,
    und erstmal, ja, das ist alles richtig was sie aus der STVO entnommen haben. Selber nehme ich schon seint zwei Jahren an der CM Hamburg Teil und bin auch gerne einer der den Verkehr 'blockiert'. Aber dieses geschied zum Schutze der Gruppe. Denn viele Autofahrer sind die Vorschriften für eine Verbandfahrt lt. STVO nicht geläufig. Mir selber vorher auch nicht.
    Selbiger selbst Schutz betrifft die volle Nutzung aller Spuren. Autofahrer auf der linken Spur würde irgendwann auch mal rechts abbiegen wollen, ganz zu schweigen von der Länge bei 5000 Teilnehmern.
    Lücken zu lassen ist zwar Vorschrift, allerdings ist es nicht nur gefährlich für alle Radfahrer und ausserdem würden viele Autofahrer nicht verstehen das sie dann ein Teil des Verbandes sind und bei ROT entsprechend NICHT zu halten haben...
    Keiner will einen Unfall bei einer Radtour, weder Radfahrer noch der Autofahrer..
    Den Punkt mit der Kennzeichnung des Verbandes haben Sie vergessen, aber ich denke das eine solches aufkommen von Fahrrädern keinen Zweifel daran lassen das es sich hier um ein Verband handelt und alle Radfahrer zusammen gehören.
    Schließlich passiert dieses diesen Monat bestimmt auch wieder regelmäßig bei jedem gewonnenen Deutschlandspiel dieser WM