Mehr Selbstvertrauen bitte. Nachrichten müssen sich nicht hinter dem Internet verstecken

Der Untergang der Radionachrichten hat anscheinend mit dem Internet begonnen. So manche Kolumne oder mancher Beitrag weckt beim Lesen den Anschein, als wenn alles dahinter zurückfällt. Bevor irgendwas ins Radio - geschweige denn Fernsehen oder in die Zeitung - kommt, steht es schon lange online. Wer Nachrichten hört, liest oder sieht hat dann nur ein großes déjà-vu: Alles schon gelesen, langweilig.

 

Ich habe da meine Zweifel.

Wer durch Hamburg-Rotherbaum fährt, sieht ein spezielles Bild von Deutschland. Dort ist der Mini das am meisten verkaufte Auto, nicht der Golf. Die Häuser sind schicker und die Mieten teurer. Doch keiner käme auf die Idee, aus der Einzelbeobachtung auf die Allgemeinheit zu schließen. Doch wenn es um das Internet und die Zukunft des Radios oder der Nachrichten geht, dann wird meiner Meinung nach zu oft genau das gemacht. Das Internet wird dann so gesehen, wie Journalisten es nutzen - zur Informationsbeschaffung.

Die Statistiken sprechen eine andere Sprache

Bild: pixabay.com
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Ich glaube, dass das für viele Menschen zutrifft. Ich glaube aber auch, dass das für noch mehr Menschen nicht zutrifft. Viele Radiosender haben für viel Geld von Experten einen Durchschnittshörer erstellen lassen. Man kann davon halten, was man will. Ich finde es grundsätzlich gut, zu wissen, für wen man sendet (was nicht heißt, dass sich alles danach richten muss). Dann stellt man fest, dass man meistens für Menschen sendet, die einen völlig anderen Hintergrund haben.

 

Die meisten Leute in Redaktionen haben studiert, immerhin setzen viele Volontariate ein Studium voraus. Die meisten Deutschen haben nicht studiert. Laut dem statistischen Bundesamt hatten 2012 mehr als 40 Millionen Deutsche einen Haupt- oder Realschulabschluss (bzw. einen vergleichbaren Abschluss). Dem gegenüber stehen 9 Millionen mit einem Fachhochschul- oder Hochschulabschluss. Viele Medienunternehmen sitzen in großen Städten - die meisten Deutschen wohnen in Kleinstädten oder auf dem Land. Zwar hat fast jeder zweite Deutsche laut Bitkom ein Smartphone (bei den 16 bis 18-Jährigen sind es 88 Prozent) - die Spiegel Online App hat laut dem Google Playstore maximal 5 Millionen Downloads. Tagesschau, Focus usw. bewegen sich auch in diesem Rahmen.

 

Pinterest und Promiflash statt Spiegel Online und Tagesschau

 

Ich glaube nicht, dass Menschen mit einem normalen Job mehrmals in der Stunde die gängigen Nachrichtenseiten checken. Viele können es nicht, weil sie gar nicht im Büro arbeiten oder unterwegs sind. Viele wollen es nicht. Mein persönliches, nicht repräsentatives, nicht-Medien Umfeld macht das jedenfalls nicht. Statt Spiegel Online heißt es da eher Facebook, statt der Tagesschau Pinterest oder Promiflash.

 

Das Radio aber läuft im Auto oder Büro zuverlässig nebenbei mit. Bei jeder neuen Media-Analyse freuen sich die Radiosender landauf und landab darüber, dass die Radionutzung hoch bleibt. 4 von 5 Deutschen schalten demnach jeden Tag das Radio ein und bleiben im Schnitt mehr als vier Stunden dran.

 

Ich finde, dass Nachrichtenmacher vor diesem Hintergrund mehr Selbstvertrauen haben können. Nachrichten im Allgemeinen und Radionachrichten im Besonderen haben ihre Bedeutung in der Verbreitung von Neuigkeiten nicht verloren. Im Gegenteil: Weil die Ablenkung groß ist haben zuverlässige Nachrichten an Bedeutung gewonnen. Sie sind aktuell, bieten relevante Informationen und ordnen ein. Dann müssen sie nurnoch so gemacht sein, dass sie auch ankommen und verstanden werden.

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